Die Aktienmärkte haben sich nach den Tiefstständen im März und April dieses Jahres wieder erholt und einige Indizes weisen neue Höchststände auf. Noch Mitte März lag der DAX bei knapp 8.500 Punkten und steht inzwischen schon wieder bei einem Allzeithoch mit über 13.500 Punkten. Das gilt auch für andere Indizes, wie z.B. den Nasdaq100 (amerikanische Technologiewerte). Für alle diejenigen, die in Aktien investiert sind, eine erfreuliche Nachricht.

Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie kann das sein? Wie passt das zu der realwirtschaftlichen Situation, in der wir als Gesellschaft in Deutschland aktuell in einem zweiten Lockdown sind, in Europa wirtschaftliche und gesellschaftliche Aktivität in vielen Länder heruntergefahren ist und die Corona Neuinfektionen und Sterbefälle neue Höchststände erreichen? Einige Branchen leiden und einige Unternehmen stehen kurz vor der Insolvenz. Die gefühlte wirtschaftliche Realität sieht also gar nicht so gut aus.

Lassen Sie uns analytisch vorgehen, um diesen vermeintlichen Widerspruch ein Stück weit aufzulösen: Die Indizes setzen sich aus einem Bündel verschiedener Aktiengesellschaften zusammen. Die Summe der Bewertungen dieser Aktien/ dieser Unternehmen hat seit Mitte März deutlich zugenommen. Von daher ist es zielführend sich anzuschauen, wie bzw. nach welcher Methode Unternehmen bewertet werden.

Ein Unternehmenswert wird vereinfacht wie folgt ermittelt:

Zähler: Hier werden die erwarteten Gewinne1 über eine gewisse Laufzeit aufaddiert.
Nenner: Der Diskontierungszinssatz oder auch Abzinsungszinssatz zinst Beträge, die in der Zukunft anfallen, auf einen Bezugszeitpunkt (t0) ab, um den Barwert zu ermitteln.

Dabei sind drei Dimensionen zu beachten: Höhe der Gewinne, zeitliche Struktur (in welchem Jahr fließen die Gewinne) und deren Unsicherheit (also mit welcher Wahrscheinlichkeit fließt der Gewinn im Jahr x. Das ist abhängig vom Unternehmen, also z.B. zyklischer Konsumwert oder technologischer Wachstumswert).

Nenner: Die beiden Dimensionen zeitliche Struktur und Unsicherheit spiegeln sich im Diskontierungszins wider. Je weiter in der Zukunft der Gewinn des Unternehmens vermutet wird, desto größer ist die Unsicherheit und desto höher ist der Diskontierungszins. Wenn beispielsweise Zahlungsströme in 5 Jahren (t5) fließen, haben diese heute einen niedrigeren Barwert und beinhalten eine höhere Unsicherheit als wenn nur das kommende Jahr (t1) betrachtet wird. Der Diskontierungszins ist wiederum eng verbunden mit dem allgemeinen Referenzzinssatz der Zentralbank. Und dieser liegt aktuell bei 0%. Ein kleinerer Diskontierungssatz führt beim obigen Bruch zu einem größeren Ergebnis, also höherem Kurs.

Zähler: Die Höhe der zu erwartenden Gewinne wird, so die Mehrheit der Markteilnehmer, beflügelt durch:

  • Zins der Zentralbanken: Der niedrige Zins bewirkt zum einen, dass sich Firmen günstiger refinanzieren können. Zum anderen, dass die Sparneigung der Konsumenten nachlässt und mehr konsumiert wird, was wiederum die Umsätze der Firmen steigen lässt.
  • Anleihekäufe: Sowohl die FED (amerikanische Notenbank) als auch die EZB haben Ihre Anleihekäufe (Staats- und Unternehmensanleihen) extrem ausgeweitet. So stieg die Bilanzsumme der EZB bis 11.12.2020  um 46% auf 6,9 Bio. EUR, im selben Zeitraum nahm die der FED sogar um 73% auf 7,1 Bio. USD zu. Viele Firmen begeben günstige Anleihen und kaufen damit eigene Aktien zurück, was wiederum die Aktienkurse unterstützt.
  • Hoffnung auf Impfstoff: Da die Börsen die Zukunft einpreisen, gehen die Mehrzahl der Marktteilnehmer davon aus, dass demnächst ein wirkvoller Impfstoff vorhanden sein wird und somit die „alte“ Normalität zurückkehrt.

Zusammenfassung:
Aufgrund des sehr niedrigen Leitzinses und der großen Menge an Geld, das die Staaten und die Notenbanken zur Verfügung stellen, sind die Mehrzahl der Investoren am Kapitalmarkt zuversichtlich, daß die Gewinne der Unternehmen wieder zunehmen, sobald die Corona Sperrung und Maßnahmen wieder aufgehoben sind. An der Börse werden also die zukünftigen Erwartungen zur wirtschaftlichen Leistung der Unternehmen gehandelt. Die weltweiten Börsen „schauen“ also durch die Corona Zeit hindurch und bewerten die Zeit danach. Ob die Erwartungen so wie prognostiziert eintreten, ist offen. 

Das bedeutet für Sie:

  • die eigene Wahrnehmung der Corona bedingten Krise ist nicht immer deckungsgleich mit den aggregierten Wahrnehmungen sehr vieler Marktteilnehmer
  • unser Blick aus Deutschland heraus ist ein kleiner Teil der gesamten weltweiten Marktbetrachtung. In Asien spielt Covid 2 aktuell keine oder eine sehr kleine Rolle.
  • Bewahren Sie in diesen Krisenzeiten, wenn möglich, einen positiven Blick: Freuen Sie sich im deutschen Lockdown über steigende Kurse, wenn Sie investiert sind. Freuen Sie sich über fallende Kurse zum relativ günstigen Nachkaufen, wenn Sie ausreichend Liquidität haben und das Nachkaufen zu Ihren Zielen/ Ihrem Finanzplan passt. 

1 Eigentlich Cashflow, welcher den Gewinn bereinigt um nicht zahlungswirksame Vorgänge wie Abschreibungen oder Rückstellungen darstellt.

Veröffentlicht am 17. Dezember 2020 von Dr. Franz Möller und Hans-Joachim Barth

Kategorien: Kapitalbildung